Politik

"Wir werden zerstört"Unmittelbar nach Trumps Desaster zerfleddert sich MAGA

05.11.2026, 06:07 Uhr rpeters_foto1x1Von Roland Peters, New York
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Vom Wahlwind verweht? US-Präsident Donald Trump nach der Wahlnacht, auf der Baustelle des Ballsaals. (Foto: AP Photo/Alex Brandon)

Während US-Präsident Trump einmal mehr über seinen Ballsaal in Richtung Fernsehkameras sinniert, üben sein Vize Vance und andere Bekannte aus der MAGA-Welt deutlich Kritik. US-Medien schreiben schon über 2028.

Das hat nicht lange gedauert. Am Wahlabend verkündete Donald Trump, er werde am Tag danach nicht öffentlich erscheinen. Doch der Immobilienunternehmer im US-Präsidenten kann sich selten zurückhalten. Und so erscheint er am Mittwochmittag nach der monumentalen Niederlage auf der Baustelle seines Herzensprojekts: der neue Ballsaal am Weißen Haus, finanziert von den Tech-Milliardären aus dem Silicon Valley.

Es ist ein bizarrer Auftritt. Während er über Marmor, Fenster und Farbe spricht, ab und an von Applaus der Anwesenden begleitet, hadert er offenbar damit, dass auch für ihn das Ursache-Wirkung-Prinzip gilt. Ob er zustimme, dass der Krieg gegen den Iran der Hauptgrund für die Wahlniederlage gewesen sei? "Das stimmt größtenteils, weil er die Benzinpreise nach oben getrieben hat", meint er zunächst - aber widerspricht sich danach. "Der Preis" des Öls sei der Hauptgrund, "nicht der Krieg".

Es ist die typische Trump'sche Verkürzung, um sich aus der Verantwortung zu ziehen. So wie schon in der Wahlnacht: Er habe ja nicht auf dem Wahlzettel gestanden, meinte Trump da, deshalb sei das Desaster der Republikaner auch kein Votum gegen ihn. Obwohl er seine Anhänger bekniet hatte, sich vorzustellen, er stünde zur Wahl. Obwohl die Kongresswahlen immer eine Abstimmung über die Politik des Weißen Hauses sind. Obwohl die handverlesenen Kandidaten Trumps historische Niederlagen erlitten. Obwohl sein Vize JD Vance vorpreschte und schrieb, der Krieg sei der Hauptgrund für die Niederlage. Der Krieg, den Trump befohlen hatte, der die Öllieferungen durch die Straße von Hormus erschwerte und die weltweiten Preise trieb.

Zeh im Wahlwasser

Um die Wähler zurückzugewinnen, schrieb Vance, müsse man den Konflikt im Nahen Osten beenden, die Lebenshaltungskosten senken, das eigene Land priorisieren und "die Beziehung zu Israel verändern". Manche US-Medien sahen in der Zukunftsanalyse darin sogar eine Bewerbung für die Präsidentschaftskandidatur 2028. Floridas Noch-Gouverneur Ron DeSantis, der bei den Vorwahlen 2024 versucht hatte, Trump rechts zu überholen, hält auch den Zeh ins Wahlwasser. Er kritisierte die Republikaner im Kongress unter anderem für ihren Widerstand gegen die Veröffentlichung der Akten über den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und redete dabei anscheinend frei von der Leber weg; das Gegenteil des DeSantis von vor zwei Jahren. Die frühere MAGA-Abgeordnete Marjorie Taylor Greene hatte sich wegen Epstein mit Trump überworfen und fordert nun sogar, den Präsidenten aus der Partei zu werfen.

Auch wenn das nicht geschehen wird, ist klar: Jegliches Geraune über eine potenzielle dritte Amtszeit Trumps dürften nach diesem Widerstandstsunami verstummen. Vance ist bislang der Kronprinz der MAGA-Basis, vor der Kongresswahl deuteten alle Umfragen und Äußerungen Trumps darauf hin, dass der vorherige Senator aus dem Bundesstaat Ohio ihm 2028 ins Weiße Haus folgen soll. Doch Trumps Bewegung muss sich nun erst einmal neu sortieren, und zwei Jahre sind in der US-Politik eine gefühlte Ewigkeit. Schon am ersten Tag nach der Wahl äußert sich das MAGA-Universum, in dem Loyalität zu Trump bislang alles war. Da sind solche Kommentare schon nah an der Selbstzerfledderung.

Wäre es nicht so unwahrscheinlich, könnte man meinen, Trump sei systematisch vorgegangen. Der US-Präsident gab praktisch jeder Wählergruppe mindestens einen Grund, mit ihren Stimmen seine Republikaner landesweit aus den Ämtern zu treiben. Der wichtigste: die Wirtschaft. Wenn 99 Prozent der Wähler innerhalb von eineinhalb Jahren einer Präsidentschaft weniger Geld zur Verfügung haben als zuvor, wie es die US-Denkfabrik ITEP berechnete, und dies zudem jede Woche an der Tankstelle mit höheren Kraftstoffpreisen in Zahlen vor Augen geführt bekommen, muss jemand verantwortlich sein. Das waren Trump und seine Republikaner. Sie erreichten das Gegenteil des seit einem Jahrzehnt Versprochenen.

Brieftasche wichtiger als "woke"

Die Wahlniederlage wird die Partei noch lange schmerzen. Zum Vergleich: Auch US-Präsident Barack Obama musste nach den Midterms 2014 seine verbleibenden zwei Jahre ohne Mehrheiten im Kongress regieren, seine Demokraten hatten neun Senatssitze verloren. Die Partei stellte danach fest: Es hatte eine klare, landesweite Wahlbotschaft sowie Zukunftsperspektive gefehlt; so verloren die untereinander unkoordinierten Kandidaten ihre gemeinsamen Mehrheiten. Die Republikaner hingegen hatten zum nationalen Votum über Obama und dessen Krankenversicherungsreform "Obamacare" aufgerufen - und gewannen. Das war der Anfang von Trumps Aufstieg.

Nun, zwölf Jahre später, hat das wieder funktioniert, nur andersherum. Mit dem Kulturkrieg gegen "woke" und "Sozialisten" sind offenbar keine Wahlen mehr zu gewinnen, wenn das Geld knapp wird, im Gegenteil. Der möglicherweise beste Beleg dafür war South Carolina, über Jahrzehnte eine republikanische Hochburg, aus der Senator Lindsey Graham kam. Dessen Schwester Darline verlor sang- und klanglos den über Jahrzehnte gehaltenen Senatssitz an die Demokraten. Eine Wählerin sagte, sie habe zwischen Arztrechnungen und Lebensmitteln wählen müssen, so knapp sei inzwischen ihr Geld. Das große Gesetzespaket der Republikaner hatte Sozialleistungen gekappt, die Kürzungen treten schrittweise in Kraft.

Trump ist mit seiner Kombination aus unverbrüchlicher Treue zu Israel und den KI-Konzernen sowie Zöllen als internationale Wunderwaffe komplett gescheitert. Die Wählerwanderung spricht dabei Bände: Nirgendwo war die Abkehr von Trump und dem tatenlosen Kongress deutlicher als bei Männern zwischen 18 und 29 Jahren. In der wichtigen Gruppe, die dem Präsidenten vor zwei Jahren den Sieg brachte, schwenkten die Wähler um 38 Prozentpunkte (!) in Richtung der Demokraten, unter Latinos waren es 28 Prozentpunkte und sogar unter weißen Männern ohne College-Abschluss, Trumps Kernwählerschaft, waren es 14 Prozentpunkte.

Der vor ein paar Monaten verstorbene Senator Lindsey Graham wandelte sich vom Fundamentalkritiker zum loyalen Verbündeten Trumps, nachdem er die Wahl 2016 gewonnen hatte. Zuvor hatte er noch geschrieben: "Falls wir Trump nominieren, werden wir zerstört … und wir werden es verdient haben." Die Kongresswahl ein Jahrzehnt später hat diese Prophezeiung erfüllt. Die Republikaner müssen nun die Scherben zusammenfegen - ob mit oder ohne MAGA.

Quelle: ntv.de

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