Berlin Tag & MachtGen Z regelt: gratis Sneaker statt Bildungsgrade
Eine Kolumne von Marie von den Benken
Die Gen Z wollte bessere Schulen. Sie bekam Sneaker, kostengünstig direkt aus den Schaufenstern. Über Dobrindts Analyse, hitzige Migrationsdebatten, berechtigte Wut, Gewalt als rote Linie und die Frage: Wer regelt hier eigentlich was?
Zu parteipolitischen Kundgebungsevents umgewidmete Feiertage sind in Deutschland noch mehr en vogue als das Plusquamperfekt bei Heidi Klum. Berufspolitiker etwa bewegen sich ja im parlamentarischen Alltag zumeist auf recht seichtem Comedy-Niveau. Mal von Tino Chrupalla abgesehen. Am politischen Aschermittwoch jedoch knipsen sie die verborgene Cindy aus Marzahn in sich an und schmettern sich gegenseitig derbe Diss-Punchlines von den Podien.
Auch der Politische Gillamoos und das Dreikönigstreffen der FDP gehören zur Gattung der politischen Ankertage im ansonsten weitestgehend Situationskomik-befreiten Tätigkeitsfeld der Volksvertreter. Warum Gillamoos Gillamoos heißt, konnte mein 40-köpfiges Evidenzteam aus internationalen Faktencheckern bislang nicht abschließend zuordnen. Das Dreikönigstreffen hingegen ist eindeutig durchdefiniert: Es treffen sich drei Könige, also die einzigen verbliebenen Wähler der FDP.
Trotz dieser imposanten Bandbreite von Festtagen, die zu verbalartistischen Großkampftagen umfunktioniert wurden, hat die Politelite des Landes Halloween bislang noch nicht als launische Gelegenheit für süffisante Kollegenschelte-Monologe erfasst. Ausgerechnet Halloween, das noch besser zur deutschen Machtsituation passen würde als Tom und Bill Kaulitz zu "Wetten, dass"! Immerhin ist Halloween der einzige Tag im Jahr, an dem sich Menschen mit fragwürdiger Kleidung, bedenklichem Sozialverhalten und einem ausgeprägten Bedürfnis nach öffentlicher Aufmerksamkeit völlig ungeniert durch deutsche Innenstädte bewegen. An den übrigen Tagen des Jahres nennt man das Sitzungswoche im Bundestag.
Die sind doch nicht mehr Gen Z dicht!
Diesen Herbst allerdings war alles anders. Während sich unser Land auf eine weitere Nacht mit zuckerneurotischen Grundschulkindern auf "Süßes oder Saures"-Odyssee und erwachsenen Spitzensteuersatzzahlern in Chucky-die-Mörderpuppe-Kostümen vorbereitete, hatte die Generation Z beschlossen, Deutschland zu retten.
Arbeitstitel: "Gen Z regelt". Eine Entwicklung, die grundsätzlich zu begrüßen ist. Schließlich attestiert die analytische Hauptstadtpresse seit Jahrzehnten, Jugendliche interessierten sich erschreckend wenig für Demokratie. Sobald sie es dann aber doch tun, ist immer direkt Katerstimmung auf dem Altparteien-Abstellgleis. Am Ende revolutionieren diese tiktok-geprägten Wohlstands-Che-Guevaras noch unseren Blick auf politische Kernthemen. So wie es die Gen-Z-Schulschwänzer-Vorhut von Fridays for Future einst mit dem Kompetenzbereich Klima angezettelt hatte.
Tatsächlich erinnerte die Regelmission der zwischen 1995 und 2010 geborenen tagespolitischen Nestbeschmutzer an die Frühphase der Fridays-Bewegung, nur halt mit mehr "Free Palestine"-Fähnchen. Es gab Demos in mehr als 30 Städten, Zehntausende Teilnehmer und einen umfangreichen Forderungskatalog: bezahlbares Leben, mehr psychotherapeutische Versorgung, Generationengerechtigkeit und ein Nein zur Wehrpflicht. Vor allem aber: bessere Schulen. Verständlich. Wenn schon in der PISA-Studie härter abstürzen als Ines Schwerdtner bei "Lanz", dann wenigstens nicht mit Mathebüchern, die noch von Adam Riese persönlich kuratiert wurden. Kurz nach der Erfindung des Buchdrucks.
Und auch wenn sich letztlich weniger skandierwillige Kämpfer für weniger Unterrichtsausfall zum Aufmarsch der Bildungsverfallskritiker einfanden, muss man attestieren: Eine erhebliche Zahl junger Menschen möchte über ihre Zukunft mitentscheiden.
Die Revolution trägt Sneaker
In Berlin versammelten sich nach Polizeiangaben rund 5.000 Menschen am Brandenburger Tor. Auch in Frankfurt, Köln, München und anderen Städten wurde demonstriert, überwiegend friedlich. Das ist wichtig, weil man angesichts des späteren Verlaufs den Eindruck erhalten könnte, der Großteil sei weniger für eine Sanierungs-Offensive an Schulen auf die Straße gegangen, sondern um Schaufenster einzuschlagen.
Denn je länger die Demonstrationen andauerten, desto mehr Trittbrettfahrer fanden sich ein, die eine Schule in den letzten 10 Jahren nicht von innen gesehen haben. Vor allem in Frankfurt am Main eskalierte die Stimmung. Vermummte attackierten Einsatzkräfte, Geschäfte wurden geplündert, Scheiben gingen zu Bruch. In Köln und anderen Städten kam es ebenfalls zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.
Es wurden Schuhe durch zertrümmerte Schaufensterscheiben in die unbezahlte Freiheit getragen, als hätte die Generationengerechtigkeit plötzlich eine neue Definition bekommen: Jeder bekommt so viele Sneaker, wie er tragen kann.
Das Z in Gen Z steht für Zündeln
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt identifizierte anschließend zwei Gruppen, die aus seiner Sicht die friedlichen Proteste gekapert hatten: gewaltbereite Linke und Randalierer aus migrantischen Milieus. Eine Analyse, wie gemalt für die berufsechauffierten Empörungsökonomen.
Gesellschaftliche Wirklichkeit wird jedoch nicht angenehmer, wenn man statistische Auffälligkeiten aus Angst vor politischer Instrumentalisierung lieber nicht untersucht. Deutschland hat eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, bei migrationspolitischen Fragen umgehend in zwei vollständig voneinander getrennte Diskussionsuniversen abzutauchen.
In dem einen ist bereits die Frage nach der Herkunft von Tatverdächtigen ein gefährlicher Schritt in Richtung Generalverdacht. Im anderen ist die Herkunft von Tatverdächtigen praktisch die einzige Information, die noch interessiert. Beide Seiten haben damit eines gemeinsam: Die konkrete Aufklärung dessen, was passiert ist, verkommt zur Nebensache.
Hessens Innenminister Roman Poseck unterfütterte die eine Seite inzwischen mit einer bemerkenswerten These. Die Gewalt sei zunächst von Linksextremisten, später vor allem von migrantischen Jugendlichen ausgegangen. Mindestens 80 Prozent der in Frankfurt festgenommenen Tatverdächtigen hätten einen Migrationshintergrund und die Polizei sei nun also Opfer einer gescheiterten Integrationspolitik. Man muss kein Demografie-Forscher sein, um festzustellen: Hier könnte im Vergleich zur Referenzbevölkerung eine statistisch auffällig erhöhte Kriminalitätsbelastung vorliegen.
Ciao, Fenster - Generation Z gegen Generation Ausrede
Ob die Frankfurter Zahlen repräsentativ sind oder nicht, eine politische Identitätsfrage steckt so oder so in jeder Diskussion darüber, was im Schatten der Gen Z und ihrer Regelambitionen so alles als notwendiger Protest deklariert wird. Die junge Generation hat berechtigte Gründe, unzufrieden zu sein, während politische Entscheidungen überwiegend von Menschen getroffen werden, die deren Folgen gar nicht mehr erleben. Darüber darf man wütend sein. Man darf demonstrieren. Was man nicht darf: daraus ein Recht auf Gewalt ableiten.
Am Ende hat "Gen Z regelt" vor allem eines geschafft: sichtbar gemacht, wie reflexhaft Deutschland selbst Debatten über die Zukunft junger Menschen in einen Streit über Herkunft, Polizei und politische Schuld verwandeln kann. Vielleicht sollte die Generation Z also tatsächlich etwas regeln. Sich konsequent von Gewalt zu distanzieren beispielsweise. Die Regierung könnte im Gegenzug versuchen, die Probleme nicht bloß zu kommentieren, sondern bei Gelegenheit auch zu lösen. Das wäre dann mal eine echte Generationenvereinbarung. Und vielleicht das erste politische Projekt in Deutschland, bei dem am Ende nicht nur Schaufenster repariert werden.

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