Kampfjets steigen aufWelle falscher Bombendrohungen stört Europas Flugbetrieb

Innerhalb weniger Stunden erreichen Fluggesellschaften in sieben Ländern anonyme E-Mails, die mit Sprengsätzen in Passagierflugzeugen drohen. Mehr als ein Dutzend Maschinen werden kontrolliert, doch eine Bombe wird nicht gefunden.
Zum zweiten Mal in dieser Woche führen Bombendrohungen zu Störungen im Flugverkehr in Europa. Allein am heutigen Donnerstag sind mehr als ein Dutzend Passagierflüge von den Vorfällen betroffen. Mehrere Maschinen wurden umgeleitet und von Sprengstoffexperten untersucht. Hinweise auf tatsächliche Sprengsätze wurden jedoch bislang nicht gefunden. Ob es einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen gibt und wer hinter den teils per E-Mail eingegangenen Drohungen steckt, ist noch unklar. Behörden in mehreren Ländern sind eingeschaltet.
Unter anderem wurde ein Linienflug zwischen Dublin und Rom nach Frankreich umgeleitet. Die Maschine landete am Militärflughafen Évreux, wie das Amt des französischen Premierministers mitteilte. Die 151 Passagiere und 6 Crew-Mitglieder wurden in Sicherheit gebracht. Sprengstoffexperten waren im Einsatz. Die Luftverkehrs-Gendarmerie nahm Ermittlungen auf.
Da der Pilot zunächst nicht wie erwartet mit den Behörden kooperierte, ordnete der Premierminister an, dass Kampfflugzeuge das Flugzeug abfangen und es eskortieren sollten, teilte die Regierung mit. Das Flugzeug sei danach sicher in Évreux gelandet. Warum sich der Pilot zunächst geweigert hatte, außerplanmäßig zu landen, ist bisher unklar.
Zwischenfälle gab es zudem in Italien: Nach anonymen Hinweisen auf einen mutmaßlichen Bombenalarm an Bord landete ein Finnair-Flieger aus Helsinki von Kampfjets der italienischen Luftwaffe eskortiert am Flughafen Rom-Fiumicino. Sprengstoffexperten der Polizei leiteten Sicherheitskontrollen ein.
Eine Maschine, die am Morgen am Airport Mailand-Malpensa gestartet war, wurde nach Angaben von Ansa wegen einer während des Fluges eingegangenen Bombendrohung nach Wien umgeleitet und landete dort. Ein österreichischer Polizeisprecher bestätigte die Landung. Zuvor sei in Polen eine E-Mail mit einer Bombendrohung eingegangen. In Wien wurde jedoch keine Gefährdung festgestellt. Das Flugzeug konnte die Reise nach Warschau fortsetzen.
"Abstrakte Drohung" auch in Wien
Dem Sprecher zufolge handelte es sich um eine "abstrakte Drohung". Auch in Wien sei eine E-Mail mit einer solchen Drohung gegen vier Flüge von und aus der österreichischen Hauptstadt eingegangen. Mit dem Flug aus Mailand habe das aber inhaltlich nichts zu tun gehabt.
Auch am Flughafen Kopenhagen gab es Drohungen gegen zwei Flüge. Bei der Durchsuchung der Flugzeuge wurde aber nichts Verdächtiges gefunden, wie die Polizei der Nachrichtenagentur Ritzau mitteilte: "Nach unserer Einschätzung besteht beziehungsweise bestand keine Gefahr für Passagiere oder andere Personen, die sich am Flughafen aufhalten."
Mehrere Bombendrohungen beeinträchtigten auch den Flugverkehr in der tschechischen Hauptstadt Prag. Man habe Warnungen über improvisierte Sprengsätze an Bord von vier Flugzeugen erhalten, teilte die Polizei bei X mit. Nach der Landung auf dem Vaclav-Havel-Flughafen wurden die Maschinen von Spezialisten durchsucht. Später gab es auch hier eine Entwarnung. Die Polizei stehe im Kontakt mit Partnern im Ausland, teilte der Innenminister Lubomir Metnar mit. Die nationale Sondereinheit für den Kampf gegen Terrorismus, Extremismus und Cyberkriminalität übernahm die Ermittlungen.
Drei Flugzeuge der Gesellschaft Ryanair bekamen auf dem Weg nach Bulgarien Bombendrohungen, wie die bulgarische Nachrichtenagentur BTA unter Berufung auf das Verkehrsministerium in Sofia berichtete. Auch in Rumänien gab es einen Vorfall: Eine Maschine der Gesellschaft Wizz Air bekam auf ihrem Flug von Mailand nach Bukarest eine Bombendrohung, landete aber sicher und planmäßig in Rumäniens Hauptstadt, wie die rumänische Nachrichtenagentur Mediafax berichtete. Der Inlandsgeheimdienst SRI untersuche das Flugzeug.
Bereits am Dienstag war es zu einer Reihe ähnlicher Vorfälle gekommen. Der Flughafen Warschau Modlin musste deswegen vorübergehend geschlossen werden. Die europäische Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol teilte mit, sie beobachte die Lage und arbeite eng mit Fluggesellschaften, Flughäfen, Flugsicherungsorganisationen und weiteren Einrichtungen in Europa zusammen, um mögliche Beeinträchtigungen des Luftverkehrs zu begrenzen.
Ermittler: Bisher kein Hinweis auf staatlichen Akteur
Drohungen gegen die Flughäfen London Heathrow und Birmingham wurden nicht als ernsthaft eingestuft. Die britische Verkehrsministerin Heidi Alexander sprach von "böswilligen vorgetäuschten Drohungen". Der "Guardian" zitierte zu den Vorfällen früher in der Woche Ermittlerkreise in Großbritannien, wonach es keine unmittelbaren Hinweise auf einen staatlichen Akteur gebe. Ein Experte sagte der Zeitung, es komme täglich zu falschen Drohungen gegen Passagierflüge. Dass Flüge umgeleitet wurden, lege aber nahe, dass die Drohungen glaubhaft und spezifisch gewesen seien.
Im europäischen Luftverkehr sind Bombendrohungen nichts Unübliches. Dabei kam es in der Vergangenheit auch schon zu Häufungen. Im Herbst 2023 erfassten die Behörden bundesweit mehr als 250 Bombendrohungen, unter anderem gegen den Hamburger Flughafen. Im Oktober 2023 wurden in Frankreich wiederholt Regionalflughäfen vorübergehend evakuiert, am 19. Oktober allein elf. Im März 2020 gab es in Russland an einem Tag Bombendrohungen gegen sieben Passagierflüge. Alle Maschinen landeten planmäßig, Sprengsätze wurden nicht gefunden.
