Der "Tatort" im SchnellcheckHart wie Marmelade

Rockertypen aus dem Katalog, Beweisführung wie bei "Cluedo" - wer beim Züricher "Tatort" dennoch dranbleibt, wird mit "Frei wie ein Adler" gut unterhalten, der inklusiven Besetzung sei Dank.
Was passiert?
Acht Jahre sind eine verdammte lange Zeit, vor allem, wenn man hinter schwedischen Gardinen sitzt. Doch für Simon Bärfuss (Ronald Zehrfeld), den Rocker mit der kurzen Lunte, ist endlich der Tag der Entlassung gekommen und wie das so ist bei einem derart toughen Typen, gilt es zunächst einmal zu schauen, was vom einstigen Claim übriggeblieben ist. Als Präsi in den Bau, als Präsi zurück auf den Bock (ein BMW, echt jetzt?) und ins Clubheim - ganz so einfach ist das nicht. Die Hierarchien haben sich verschoben, das wird schnell klar. Und noch etwas ist in Bewegung: Bärfuss' Ex Sophia (Jeanne Devos) ist gerade im Begriff, ihren Wäschereibetrieb aufzugeben und die Stadt zu verlassen. Auch das Wiedersehen mit der gemeinsamen Tochter Nadja (Stella Alraun) dürfte sich nach den vielen Jahren schwierig gestalten.
Doch dann kommt alles ganz anders, denn Sophia liegt kurz darauf tot in ihrer Wohnung, erschlagen mit einem Fleischklopfer. Einer der letzten, der sie lebend gesehen hat und dabei heftigst mit ihr aneinander geriet, ist der Jacob Göldi (Benjamin Raue). Als Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zürcher) ihn in seiner Wohngruppe aufsuchen, wird klar, dass die Ermittlungen diesmal etwas ungewöhnlicher werden könnten, der junge Mann gehört zu einer Wohngruppe von Menschen mit Downsyndrom. Ist Göldi ein belastbarer Zeuge - oder hat der passionierte Mofafahrer womöglich etwas mit dem Mord zu tun?
Worum geht es wirklich?
Jürgen Werner, erfahrener "Tatort"-Autor und für Erfolgsformate wie "Der Bergdoktor" und "Das Traumschiff" kreativ, zieht beim Setting alle Register. Dabei scheut er nicht vor der Schublade mit den Klischees zurück, im Gegenteil. Die Rocker mit ihren heißen Öfen, das Geplänkel zwischen den Kommissarinnen, die Zwistigkeiten auf dem Revier (Streit ums Müsli im Kühlschrank, nochmal: echt jetzt?), eine Personendatei die mit "Kronzeugin" überschrieben ist, um es auch dem letzten Zuschauer klarzumachen - überraschend oder gar subtil geht anders, aber vielleicht ist das alles ja gewollt, um die wahren Stars von "Frei wie ein Adler" noch ein wenig heller strahlen zu lassen. Nötig haben sie es eigentlich nicht, denn die Ensemble-Mitglieder vom inklusiven Zürcher Theater HORA wissen sehr gut, was sie tun, und tragen den Fall buchstäblich bis zur letzten Minute.
Wegzapp-Moment?
Wer den blauweißen Teufeln die Rocker abnimmt, glaubt wahrscheinlich auch, dass der knuffige Typ in der Targobank-Werbung ein DJ ist. Alle hier sprechen mit extrarauchiger Stimme, trinken extrarauchigen Whiskey und tragen Kutten wie vom Kinderfasching. Wer beim Züricher "Tatort" fragen würde, wer hier wem die Show stiehlt, würde wohl schallend ausgelacht. Wegzapp-Wahrscheinlichkeit in der Anfangssviertelstunde: einigermaßen hoch.
Wow-Faktor?
Medium, die Rocker rocken nicht so richtig, ein Trumpf dagegen sind Benjamin Raue und seine Kolleginnen und Kollegen, deren Figuren Jürgen Werner in seinem Skript mit Leben füllt, ohne ins Rührselige zu verfallen.
Wie war's?
7 von 10 Punkten - "Frei wie ein Adler" hebt nicht so wirklich ab, unterhält jedoch aufgrund seines exquisiten Casts.