Niclas Füllkrug ist wieder da. Nach über einem Jahr kehrt der Stürmer in Superform in das DFB-Team zurück. Unser Experte Arie van Lent atmet auf: Endlich wieder jemand, der Tore machen kann. Und noch eine zweite Personalie macht den ehemaligen Bundesliga-Stürmer sehr glücklich: Wael Mohya, der Youngster von Borussia Mönchengladbach. Einen listigen Hintergrund der Nominierung durch Bundestrainer Jürgen Klopp schließt unser Experte in der Analyse des DFB-Kaders aber aus.
Hallo, Herr van Lent, Jürgen Klopp muss Ihnen doch heute einen fantastischen Tag bereit haben. Endlich ein echter Stürmer und dazu endlich mal wieder ein Gladbacher!
Arie van Lent: Ich wusste, dass Sie das sagen würden!
Nun, wir kennen uns ja nun schon eine Weile! Also: Welche Personalie macht Sie glücklicher?
Das möchte ich so nicht bewerten! Aber fangen wir mal mit Füllkrug an. Ich habe mir wirklich sehr gewünscht, dass er wieder dabei ist. Und es ist auch nur logisch. Klopp hat betont, dass es nur um die Form geht. Und kein Stürmer ist besser in Form als Füllkrug. Klar, du hast mit Kai Havertz einen Weltklassemann vorne. Aber er ist kein typischer Strafraumspieler. Nick Woltemade kämpft weiter mit sich, von daher ist Füllkrug die absolut beste Lösung. Du siehst es ja bei Werder. Da sprechen sie nicht mehr über Bremen, sondern über den SVW Füllkrug.
Muss Füllkrug jetzt immer spielen?
Ich würde ihn spielen lassen. Auf jeden Fall. Das DFB-Team ist oft so spieldominant unterwegs und kommt gut ins letzte Drittel. Aber da fehlt es dann. Wir brauchen da mehr Präsenz in der Box. Das Problem kannst du mit Füllkrug lösen. Mit ihm hast du endlich wieder jemanden, der immer ein Tor machen kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er in beiden Spielen beginnt. Aber gerade gegen die körperlich starken Serben würde ich ihn gerne sehen.
Wo Sie gerade dabei sind, Hymnen zu formulieren, wechseln wir direkt zu Wael Mohya ...
Ich habe ihn schon häufiger im Stadion gesehen. Häufiger als Klopp übrigens! Und wann immer ich ihn sehe, kann ich mich für ihn begeistern. Es läuft in Gladbach schon so viel über ihn, obwohl er immer noch erst 17 Jahre jung ist. Und es ist nicht so, dass man ihn in Verzweiflung reinwirft und hofft, dass er irgendwas macht. Er hat seine feste Rolle und seine festen Aufgaben. Und die erfüllt er richtig gut. Zudem ist er ein richtiger bodenständiger Junge. Er hat die Nominierung sehr verdient.
Ist die Nominierung auch ein kluger Schachzug von Klopp, um Mohya rechtzeitig an den DFB zu binden? Er könnte ja auch für Marokko spielen. In der Vergangenheit sind einige Talente abgesprungen. Und ein Nicolo Tresoldi lässt den Verband ja auch noch zappeln.
Das spielt sicher mit rein, aber ich glaube nicht, dass es ein zentraler Grund für die Nominierung war.
Den meisten Fußball-Interessierten dürfte Mohya bislang kaum bekannt sein. Was zeichnet ihn aus und was sind seine Schwächen?
Er ist ein extrem starker Eins-gegen-eins-Spieler. Er hat viel Tempo und zieht von der linken Seite oft nach innen und sucht den Abschluss. Er ist ein bisschen vergleichbar mit Said El Mala vom 1. FC Köln. Was mir bei Mohya besonders gefällt, wie hart er an sich arbeitet und wie sehr er das Spiel schon an sich reißt. Er ist in vielen Momenten unberechenbar und auf dem Platz sehr stabil geworden. Was ihm aber noch fehlt, ist die Konstanz. Aber das ist bei einem 17-Jährigen völlig normal.
Sie sprechen El Mala an. Sie gehörten der Minderheit an, die verstehen konnte, warum Julian Nagelsmann ihn für die WM nicht nominiert hat. Ihre Meinung hat sich geändert?
Ich will es nochmal kurz betonen, ich fand das wirklich berechtigt, ihn nicht mitzunehmen, weil ich das Gefühl hatte, dass er noch nicht soweit ist. Aber er hat seither in seiner Entwicklung extrem zugelegt. Wie Füllkrug in Bremen nimmt er in Köln eine absolute Schlüsselrolle ein und füllt die gut aus. Er ist sehr gereift. Aber mich hat die Nominierung jetzt doch ein wenig überrascht.
Oh, warum?
Beim letzten Nations-League-Lehrgang hat er wenig gespielt, fast ein bisschen zu wenig. Da dachte ich mir schon: Okay, er ist ein Kandidat, der auf dem Weg vom 44er- in den 24er-Kader rausfällt. Aber ich bin wirklich froh, dass er dabei ist.
Auch dabei ist Lennart Karl. Über das Bayern-Talent wurde zuletzt sehr viel geredet. Die Kritik der Klub-Bosse kam nicht gut an. Sind Sie einverstanden mit seiner Berufung oder ist das vielleicht auch ein kleiner Streichel-Bonus von Klopp?
Ja, vielleicht ist es ein kleiner Bonus. Auch weil er sich im Sommer bei der Nationalmannschaft verletzt hatte. Aber ich bin einverstanden damit, dass er jetzt dabei ist. Er hat, trotz aller Kritik an ihm, immer noch diese Unbekümmertheit, das Freche in seinem Spiel. Und die Leute, so ist mein Eindruck, die mögen ihn. Die würden ihm auch verzeihen, wenn er in seinem pinken Anzug spielt, um den es ja so viel Wirbel gab. Man mag diese, wie sagt man, süßen Spieler?
Hmmm... vielleicht eher bunten Vögel?
Okay! Ich finde ihn einfach gut und ja, er wird mit seiner Art vielleicht auch noch ein paar Mal auf die, Pardon, Schnauze fallen. Aber sind wir ehrlich: Andere Spieler nehmen sich mehr raus als er. Man kann darüber echt schmunzeln. Und er vielleicht auch, wenn er in zehn Jahren Fotos im pinken Anzug von sich sieht.
Verstehen Sie trotzdem, dass Uli Hoeneß dringend Redebedarf hatte?
Ja, klar. Und ich glaube, dass Karl auch auf dem Sofa aufgeschreckt ist, als er das gelesen hat. Das reicht vielleicht auch schon. Vielleicht müssen sie auch gar kein Gespräch mehr führen. Karl ist ein klasse Spieler und vielleicht hat er auch die von Hoeneß beschworene Demut. Er liebt offenbar eben die extrovertierten Klamotten. Andere Spieler fahren goldene Autos.
Das deutsche Aufgebot
Tor: Alexander Nübel (Besiktas), Marc-André ter Stegen (Ajax Amsterdam), Jonas Urbig (Bayern München)
Abwehr: Waldemar Anton (Borussia Dortmund), Nathaniel Brown (Bayern München), Finn Jeltsch (VfB Stuttgart), Maximilian Mittelstädt (VfB Stuttgart), Nico Schlotterbeck (Borussia Dortmund), Jonathan Tah (Bayern München), Malick Thiaw (Newcastle United), Philipp Treu (SC Freiburg)
Mittelfeld: Tom Bischof (Bayern München), Said El Mala (1. FC Köln), Brajan Gruda (RB Leipzig), Lennart Karl (Bayern München), Joshua Kimmich (Bayern München), Wael Mohya (Borussia Mönchengladbach), Felix Nmecha (Borussia Dortmund), Aleksandar Pavlovic (Bayern München), Derry Scherhant (SC Freiburg), Florian Wirtz (FC Liverpool)
Angriff: Younes Ebnoutalib (Eintracht Frankfurt), Niclas Füllkrug (Werder Bremen), Kai Havertz (FC Arsenal)
Mit Mohya, mit El Mala, mit Karl ist plötzlich viel Tempo und viel Kreativität auf dem Flügel. Ist damit eine jahrelange Baustelle des DFB-Teams zugeschüttet?
Das Tempo ist auf jeden Fall ein Schlüssel zum Erfolg, anders als noch bei der WM, wo uns das sehr gefehlt hat. Wir haben mittlerweile in allen Mannschaftsteilen sehr viel Geschwindigkeit, das ist eine enorme Stärke, gepaart mit den technischen Qualitäten. Wir sehen das auch in den Niederlanden. Und deswegen bin ich auch dafür, dass wir mit Füllkrug vorne einen anderen Spieler reinwerfen, einen, der die Vorlagen über die Flügel dann verwerten kann.
Zu Lasten von Havertz?
Nein, Havertz kann ja auch eine andere Rolle spielen. Hinter Füllkrug. Und die Form zählt, also haben beide einen Platz in der Mannschaft.
Hinter Füllkrug wäre eigentlich auch der Platz von Florian Wirtz, den Klopp auffällig gelobt hat. Zu Recht?
Vor dem ersten Kader von Klopp haben wir gesagt, dass sich Wirtz steigern muss. Das hat er dann bei den letzten beiden Spielen getan. Und ich habe auch das Gefühl, dass sich seine Rolle beim FC Liverpool seither verändert hat und er mehr positives Feedback bekommt. Was sehr wichtig für den Spieler ist. Und dass Klopp ihn so auffällig unterstützt, liegt vielleicht auch daran, dass die Steigerung in seine Zeit fällt.
Schauen wir noch kurz auf die ewige Torwart-Debatte. Klopp hat diese beendet und Marc-André ter Stegen zur unumstrittenen Nummer eins ausgerufen.
Zum Glück! Ich hatte schon Angst, dass er auf andere Ideen kommt. Marc-André spielt bei Ajax, das verrät mir mein Blick über den Gartenzaun (Anmerk. d. Red. Herr van Lent wohnt in der Nähe der niederländischen Grenze), sehr gut. Er hat sich das endlich verdient und bekommt auch hoffentlich noch seine Turniere.
Gibt es eine Personalie, die Sie noch überrascht hat?
Nicht direkt. Über Felix Nmecha kann man sicher diskutieren. Ich kann verstehen, dass er dabei ist, auch wenn er beim BVB zuletzt keine Top-Rolle mehr innehatte und sich mit Tom Bischof vom FC Bayern jemand auf seiner Position wirklich in den Vordergrund gespielt hat. Aber er bringt eine unglaubliche Qualität und viel Dynamik mit. Aber bei Klopp schwang ja durchaus Kritik mit, als er sagte, dass er überlegt, was man aus ihm noch alles machen kann. Nmecha muss dranbleiben und wird um seinen Platz kämpfen müssen.
Mit Arie van Lent sprach Tobias Nordmann

